Ich bin nun seit 12 Wochen in Shanghai an der SJTU und ich habe mir gedacht, es wäre an der Zeit einen kleinen Zwischenbericht zu schreiben.
Wie schon erwähnt wurden mir die ersten Schritte in China, mit der Hilfe meines Buddys Li Hu, erleichtert. Ich bin sehr glücklich und froh darüber, dass ich hier an der SJTU sehr schnell nette und hilfsbereite Menschen kennenlernen durfte. Die chinesischen Studenten, mit denen ich Kontakt habe, sind sehr weltoffen und mögen den kulturellen Austausch. Mit meinem Tandempartner, mit welchem ich Deutsch spreche und Chinesisch lerne, kann ich sogar über Politik diskutieren. Auch bei den Dozenten stösst man auf Verständnis, wenn einmal etwas unklar ist oder ein Missverständnis aufkommt.
Was mich an China stört, ist der enorme Leistungsdruck, den man bei den Studenten beobachten kann und die “Geldmacherei” überall. Ich habe in meinem Leben, welches mir noch nicht so viele Erfahrungen eingebracht hat, noch nie eine so kapitalistische Gesellschaft erlebt. Mein Buddy Li Hu zum Beispiel hat einen Master in Electrical Engineering und einen in Economic. Zurzeit ist er an einem Ph.D in Electrical Engineering an der SJTU. Wenn er seine Ausbildung abgeschlossen hat, wollen seine Eltern (und er selber) jedoch, dass er bei einer Bank arbeiten geht, da das Gehalt dort höher ist, als wenn man “nur” als Ingenieur arbeitet. Dieses Beispiel ist ziemlich typisch in China und auch noch nicht so schlimm. Wenn man jedoch in einem buddhistischen Tempel “Osama bin Laden”-Spielkarten kaufen kann, dann geht das mir persönlich zu weit.
Der zweite Punkt, der mich an China stört, ist das Schulsystem (zumindest an der SJTU). In den meisten Fächer gibt es Hausaufgaben, die man machen muss (finde ich grundsätzlich gut), jedoch werden sie benotet. Wenn man nicht wie die Chinesen ein Lösungsmanual im Internet herunterlädt und die Lösungen kopiert, dann ist man selber schuld, dass man nicht auf die volle Punktzahl kommt. Ich habe an der HSR jeweils auch Hausaufgaben gemacht und die Dozenten auch häufig noch ein Mal gefragt, wenn mir etwas unklar war. Wenn ich das hier machen würde, würde dass ja heissen, ich hätte die Hausaufgaben ja doch nicht lösen können, obwohl ich sie fehlerfrei abgegeben habe.
Ich will nicht, dass sie den Eindruck haben, dass mir China nicht gefällt. Die wenigen Orte, die ich bisher gesehen habe, gefielen mir und meine chinesischen Kollegen sind sehr nette Personen. Den Chinesen ist es auch durchaus bewusst, dass ihr Land Schwächen hat, wie jedes andere Land auch. Ich bin auch davon überzeugt, dass sich China ändern wird. Wenn die Generation, mit der ich am meisten Kontakt habe, älter wird und diese jungen Chinesen Positionen einnehmen, in denen sie etwas bewirken können, dann wird China sich ändern – hoffentlich zum Guten.